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11/12/2019

Pastoralreferentin Lisa Brentano im Gespräch auf dem Brüsseler Platz in Köln, vor der Kirche Sankt Michael. ©: Erzbistum Köln/Anita Hirschbeck

Vom Schreibtisch ins echte Leben. Ich treffe Lisa Brentano mitten in Köln, auf dem Brüsseler Platz im Belgischen Viertel. Um uns herum Touristen, Rentnerinnen auf dem Weg zum Einkauf, Studierende, Mütter und Väter mit Kinderwagen: geschäftiges Treiben. In den Veedeln der Kölner Innenstadt fühlt sich die 32-jährige Pastoralreferentin wohl. Das Café mit Blick auf die große Kirche, die im Zentrum des Brüsseler Platzes steht, sei für sie ein guter Ort, um zu arbeiten. Genau an diesem Ort hat Lisa Brentano auch den Entschluss gefasst, den Pastoralen Zukunftsweg im Erzbistum Köln aktiv mitzugestalten.

Lisa, wir stehen mitten in Köln, mitten im Leben. Was aber hat der Brüsseler Platz mit dem Pastoralen Zukunftsweg zu tun?

Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten Blick ganz viel. Der Brüsseler Platz ist einer der beliebtesten und belebtesten Plätze in der Stadt Köln. Hier sind gerade an warmen Sommerabenden zum Teil bis zu tausend Leute auf dem Platz. Die Leute stehen einfach da, holen sich am Büdchen nebenan ein Bier und feiern, dass der Tag rum ist, dass Feierabend ist. Im Herzen des Brüsseler Platzes aber steht die Kirche: Sankt Michael, das ist die drittgrößte Kirche in Köln. Und während der Brüsseler Platz seit einigen Jahren immer proppenvoll ist, gibt es einen einzigen Ort der immer leer ist – und das ist die Kirche.

„Der Platz wird immer voller,
die Kirche immer leerer.“

Für mich ist das ein ganz gutes Bild für die Situation von Kirche. Der Platz wird immer voller, die Kirche wird immer leerer. Hier wird deutlich, dass Kirche – zumindest an diesem Ort – lange schon nicht mehr die Relevanz für Leute hat, wie früher.

Du arbeitest für diese Kirche – die Kirche, für die sich immer weniger Menschen interessieren. Wie bist du dazu gekommen?

Ich arbeite seit einem Jahr als Pastoralreferentin in der Kölner Innenstadt. Meine Aufgabe ist es zusammen mit den Menschen hier vor Ort Wege zu finden, wie das Evangelium heute gelebt und verkündet werden kann. Dabei schauen wir natürlich auch auf unsere Kirchen als besondere Orte in der Stadt. Die Kirchen in der Kölner Innenstadt sind sehr vielfältig. Da gibt es die romanischen Kirchen, die durch ihre Architektur bestechen, Kirchen, in denen viel für Familien angeboten wird, Kirchen für Kunst, Kultur und Musik und auch Kirchen, deren Profil noch nicht ganz klar ist.

Sankt Michael am Brüsseler Platz ist ein gutes Beispiel für eine Kirche ohne klares Profil. Da wissen wir nicht, was wir dort auf Dauer machen können. Die Gemeinde wird immer älter, immer kleiner. Und die Menschen, die ringsum leben oder sich aufhalten – alles junge Leute – haben gar kein Interesse an Kirche.

„Wie kann man Kirche in Zukunft anders gestalten?“

Unsere Frage ist: Was können wir für diese Leute eigentlich sein? Was suchen sie? Offensichtlich suchen sie nicht das, was Kirche im Moment anbietet. Jetzt überlegen wir, wie wir mit diesen Menschen nochmal neu in Kontakt kommen können. Wie kann man Kirche in Zukunft anders gestalten?

Kirche in Zukunft – waren diese Erlebnisse und Erfahrungen für dich eine Motivation, den Pastoralen Zukunftsweg im Erzbistum Köln mitzugestalten?

Auf jeden Fall. Ich muss sagen, ich kenne Kirche nur sterbend. Ich bin in Gemeinden groß geworden und später beruflich in Gemeinden eingesetzt gewesen, in denen ich sehen konnte, wie von Jahr zu Jahr weniger Leute kamen. Und diese Erfahrung zieht sich durch. Ich habe nie wachsende Gemeinden erlebt.

Ich habe wirklich Lust, das mal anders zu erleben. Zu beobachten, wie Gemeinde wächst. Und um das sehen zu können, glaube ich, dass wir einiges in Kirche ändern müssen. Einiges anders machen müssen, als das bisher üblich war. Wir stehen vor vollkommen neuen Herausforderungen. Und jetzt ist es an uns, etwas zu tun. Es kann nicht so bleiben, wie es immer schon war.

Damit sich dein Wunsch einer wachsenden Kirche verwirklicht, packst du mit an. Du arbeitest im Pastoralen Zukunftsweg mit. Wann hat deine Reise auf diesem Zukunftsweg begonnen?

Seit Beginn meiner Arbeit habe ich vom Pastoralen Zukunftsweg etwas mitbekommen – konnte mir aber zunächst nicht wirklich etwas darunter vorstellen. Gestalt hat das ganz erst vor einem Jahr angenommen, als ich von einer Gemeinde in Düsseldorf in die Kölner Innenstadt gewechselt bin. Zu dieser Zeit bin ich gefragt worden, ob ich in einem Arbeitsfeld mitarbeiten möchte. Meine erste Reaktion auf diese Frage war: Nein, danke. Ich dachte, das ist jetzt auch nur so eine fromme Arbeitsgruppe, die sich mit Themen befasst, die dann sowieso nicht umgesetzt werden.

„Der Zukunftsweg als Chance.“

Erst als ich dann hörte, dass das Ganze doch etwas aufwändiger ist, dass es durch professionell begleitet wird und dass es ein großer Prozess mit vielen Beteiligten sein wird, habe ich meine Meinung geändert. Dann habe ich mir gesagt: Das ist eine Chance, da muss ich dabei sein. Ich habe es ehrlich bis heute nicht bereut.

Du hast von einem Arbeitsfeld gesprochen, in dem du mitarbeitest. Was ist ein Arbeitsfeld?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Auf der Ebene des Erzbistums Köln gibt es einen sogenannten Diözesanpastoralrat. In diesen Rat wurden Vertreterinnen und Vertreter aus allen verschiedenen Berufsgruppen im Erzbistum – Haupt- und Ehrenamtliche – gewählt. Diese Menschen beraten den Erzbischof von Köln in allen Fragen, die sich auf das pastorale Wirken beziehen.

Dieser Rat hat Themen definiert, über die im Rahmen des Pastoralen Zukunftswegs beraten werden soll. Diese Themen wurden in fünf Arbeitsfeldern zusammengefasst. Ich arbeite in dem Arbeitsfeld mit, das sich mit den Themen Ausbildung und Kompetenzerweiterung für Haupt- und Ehrenamtliche beschäftigt.

Die Arbeit in verschiedenen Arbeitsfeldern wurde also vom Diözesanpastoralrat ausgelöst. Wann habt ihr eure Arbeit aufgenommen und wie ging es dann weiter?

In meinem Arbeitsfeld haben wir uns im September 2018 das erste Mal getroffen. Nachdem wir uns selbst einen Überblick verschafft hatten, haben wir sehr schnell sehr viele Leute an unserer Arbeit beteiligt. Zum Beispiel haben wir mit Haupt- und Ehrenamtlichen aus ganz verschiedenen Sparten gesprochen. Mit denen haben wir darüber gesprochen, wie sie sich Ehrenamt in Zukunft vorstellen. Uns war wichtig, möglichst viele Meinungen einzufangen.

Was habt ihr mit diesen vielen Meinungen dann gemacht? Was war das Ergebnis eurer Beratungen?

Eine zentrale Feststellung war, dass die ehrenamtlich Engagierten, die am intensivsten weitergebildet und am engsten von Hauptamtlichen begleitet werden, am zufriedensten sind – zum Beispiel Mitarbeitende in der Telefon- oder Notfallseelsorge. Davon müssen wir lernen.

Aus diesen Erfahrungen haben wir dann Thesen für die zukünftige Aus- und Weiterbildung abgeleitet. Unsere Thesen sind dann – zusammen mit den Thesen aus den anderen vier Arbeitsfeldern – eingeflossen in eine sogenannte Zielskizze.

Diese Skizze war die Diskussionsgrundlage für die drei Regionalforen im Herbst dieses Jahres. Auch bei den Regionalforen stand die Beteiligung von möglichst vielen Leuten im Zentrum – insgesamt haben über 1.400 Menschen mitdiskutiert. Diskutiert wurde dann eben unter anderem auch über die Thesen, die in unserem Arbeitsfeld entwickelt wurden.

Lisa Brentano auf dem Regionalforum in Euskirchen. In insgesamt drei Regionalforen haben 1.400 Interessierte über die Zukunft des Erzbistums Köln beraten. © Erzbistum Köln/Christian Knieps

Wie hast du die Regionalforen in Köln, Euskirchen und Düsseldorf erlebt?

Ich war bei allen drei Regionalforen dabei. Zum einen, um die Diskussionen mitzuerleben und zum anderen, um zu würdigen, dass so viele Interessierte an einem Samstag gekommen sind. Ich war total unsicher, wie das, was wir in den letzten Monaten erarbeitet haben, ankommen würde.

Viele, ganz verschiedene Leute waren da: Von denen, die seit über sechzig Jahren in Kirche engagiert sind, über ganz junge Leute bis hin zu Menschen, die sich gerade erst haben taufen lassen. Es war total schön zu sehen, wie alle in einer guten Atmosphäre miteinander ins Gespräch kommen, miteinander diskutieren. Alle hatten ein großes, ein wertschätzendes Interesse daran, dass es vorangeht.

Wie geht es jetzt mit den Anregungen, den Einschätzungen, den Fragen aus den Regionalforen weiter?

Wir haben zunächst alles gesammelt: jeden Kommentar, jede Frage, jede Rückmeldung. Diese Rückmeldungen sind dann geclustert worden. Nachdem sich alle Arbeitsfelder mit diesen Anmerkungen nochmal intensiv beschäftigt haben, wurden Themen benannt, von denen wir sagen: Das sind Dinge, die wir im Detail anschauen wollen.

 Wie geht es mit diesen Themen dann weiter? Werden die wieder in den Arbeitsfeldern bearbeitet?

Nein, wir haben uns, um diese Fülle an Themen bearbeiten zu können, nochmal neu zusammengesetzt. Denn wir merken, dass zu manchen Themen innerhalb des Arbeitsfelds das Know-how fehlt. Jetzt kann man in kleinen Teams ganz fokussiert auf einzelne Themen schauen. Diese Teams heißen deshalb Fokusteams. Mit den neuen Teams sind jetzt nochmal mehr Leute in diesen Prozess eingebunden. In den Fokusteams werden ganz konkrete Vorschläge entwickelt. Auch ich arbeite zurzeit in einem Fokusteam mit.

An dieser Wegmarke ist der Pastorale Zukunftsweg im Erzbistum Köln jetzt, kurz vor Weihnachten und dem Jahresende angekommen. Aus der Zielskizze, die in den Regionalforen diskutiert wurde, und den Arbeitsergebnissen der Fokusteams wird, nach weiteren dezentralen Beteiligungsformaten, dann im Sommer ein Zielbild entstehen. Ihr steckt also gerade in einer heißen Arbeitsphase.

 Wir stehen noch immer auf dem Brüsseler Platz, vor der Kirche Sankt Michael. Die Erfahrung, die du hier gemacht hast, hat dich motiviert, den Zukunftsweg mitzugestalten. Machen dir die bisherigen Arbeitsergebnisse Hoffnung, dass Brüsseler Platz und Kirche schon bald in einem anderen, neuen Verhältnis zueinander stehen?

Ich glaube, wir müssen uns einfach von der Vorstellung von Kirche, wie sie vor zwanzig, dreißig Jahren war, lösen. Unsere Kirche hat eine starke Botschaft, eine Botschaft die Hoffnung macht. Es ist unsere Aufgabe, diese Botschaft positiv in das Leben der Leute in unseren Veedeln, in unserem Erzbistum zu tragen – verständlich und modern. Kirche ist so viel mehr, als nur Gebäude oder negative Schlagzeilen.

„Kirche ist so viel mehr.“

Und dieses „so viel mehr“ habe ich auf den Regionalforen schon erlebt. Da war eine ganze Spannbreite von Menschen da. Und es ist gut, dass katholische Kirche so divers ist. Ich bin guter Hoffnung, dass die Themen, die im Pastoralen Zukunftsweg angesprochen und diskutiert werden, dann auch meine Arbeit vor Ort positiv beeinflussen können.